Mortellarosanierung in vier Wochen Drucken
Geschrieben von: Gunther Schwarz

Mortellaro, lat. dermatitis digitalis (DD), landläufig auch als Erdbeerkrankheit bekannt, ist eine Klauenerkrankung von der kaum ein Rinderhalter verschont bleibt. Zwar ist es nicht die am häufigsten auftretende Klauenerkrankung, jedoch ist sie aufgrund des Krankheitsbildes, der Symptome und der noch nicht endgültig geklärten Ursachen recht auffällig, was zu einer starken Diskussion und Beachtung in der Öffentlichkeit führte.

 

 

Sicher ist, dass Bakterien eine entscheidende Rolle beim Entstehen von DD spielen. Die nachgewiesenen Erreger sind vielfältig. So sind Darmbewohner wie Fusobakterium necrophorum und Dichelobacter nodosus ebenso zu finden wie anerobe Kokken und mikroaerophile grammnegative Stäbchen. Eine besondere Rolle spielen sicher Porphyromonas levii und die zu den Spirochaten gehörenden Treponemen. Letztere zeichnen sich durch die Tatsachen aus, dass sie keinen Sauerstoff benötigen was Ihnen gute Überlebensmöglichkeiten im Schmutz zusichert, und als Schraubenbakterien hautgängig sind. D.h. diese Art der Erreger kann sich durch Ihre Form und besondere Fortbewegung regelrecht ins Zellgewebe „vorarbeiten“, sich vermehren und auch den Weg für die anderen beschriebenen Bakterien freimachen. Die Einnistung zwischen Oberhaut und Lederhaut ist daher der erste Schritt, der optisch kaum zu sehen ist, damit DD ausbrechen kann.

 

Mortellaro an der typischen Stelle
im Ballenbereich der Hinterklauen.
Es zeigt sich als haarlose, runde und
erdbeerähnlicher Enzündungsstelle.


Bleibt die Frage zu klären, warum nicht mehr Rinder an DD erkranken da o.g. Erreger in jedem Stall und an allen Klauen zu finden sind. Man könnte darauf antworten dass es empfindliche und weniger empfindliche Rinder gibt. Auf der anderen Seite hat man versucht die Krankheit von betroffenen Tieren auf Gesunde zu übertragen, die sie dann, Empfindlichkeit hin oder her, auch bekommen müssten. Zur Überraschung der Wissenschaft bekamen die Empfängertiere aber keine DD. Und auch in der Praxis wird festgestellt, dass es immer die gleichen Tiere sind, die daran erkranken, während Rinder vom gleichen Bestand noch nie DD bekommen haben. Einige Wissenschaftler, wie auch der Autor, vermuten daher, dass die Empfänglichkeit von DD, ähnlich wie die Moderhinke beim Schaf, genetisch bedingt ist. Einige Untersuchungen weisen darauf hin, wenn auch endgültige Gewissheit noch nicht gegeben ist. Man muss also unterscheiden, zwischen Rindern die für DD empfänglich sind und denjenigen bei dehnen die Krankheit nicht ausbrechen kann.

 

Die für DD empfänglichen Tiere unterscheiden sich durch verschieden lange Intervalle in denen die Krankheit ausbricht, wie auch in der Krankheitsintensität. So gibt es Rinder die einmal und nur ganz schwach von DD betroffen sind, wie auch solche, die 14 Tage nach der Therapie wieder stark blutende und mehrere Zentimeter große Symptome aufweisen. Ausschlaggebend hierfür sind sicher die Stabilität der Haut bzw. deren Abwehrmechanismen. Dies wiederum ist abhängig von Leberbelastung (hohe Milchleistungen und/oder eine nicht leistungsgerechte Fütterung), Erregerkonzentration (Sauberkeit), sowie der Größe des Fluchtraumes. Man könnte einfach sagen dass die Tiere keinen Stress haben sollten. Dem Autor gefällt der Ausdruck „Unregelmäßigkeiten vermeiden“ jedoch besser, da er für die Praxis besser nachvollziehbar ist. Diese Unregelmäßigkeiten sorgen im Übrigen auch dafür, dass sonstige Klauenprobleme, Eutererkrankungen sowie Reproduktionsdefizite auftreten. Daher ist in der Praxis immer wieder zu beobachten dass mehrere Probleme gleichzeitig vorhanden sind, die sich gegenseitig negativ „aufschaukeln“. Ein Beispiel:

 

Eine Jungkuh, frisch gekalbt, im unteren Drittel der Rangordnung, sollte zwölf Mal in 24 Stunden ans Fressgitter zur Futteraufnahme kommen. Durch fehlenden Fluchtraum und der daraus resultierenden Auseinandersetzungen mit Ihren Artgenossinnen kommt dieses Tier nur neun Mal ans Fressgitter, also 25 % weniger, wobei sie ca. 15 – 20 % weniger TS aufnimmt. Durch den, oft schon als normal angesehenen, aber in dieser Situation dramatischen, Energiemangel ist eine subklinische Azidose die Folge. Azidosen verhindern eine Mikrodurchblutung u.a. der Haut, wodurch Erreger eindringen die neben DD auch Ballenfäule und Panaritium auslösen können. Durch die daraus resultierenden  Schmerzen geht die Jungkuh statt bisher neun Mal nur noch sieben Mal zum Fressen, was die Problematik weiter verschlechtert und ein negativer Kreislauf entstehen lässt. Man könnte nun sagen, dass dieser Kreislauf unterbrochen wird, indem die Erreger eliminiert werden. Theoretisch ist dies sicher ein guter Ansatz. D.h. Sauberkeit ist in jedem Fall oberstes Gebot und bringt nur Vorteile nicht nur in Bezug auf DD. Zum Einen ist es aber sehr schwer einen Kuhstall klinisch rein zu bekommen, zum Anderen ist eben zu beachten dass alle „Stellschrauben“ regelmäßig nachjustiert werden und DD oft nur das Ergebnis eines ganz anderen Defizits ist, wie in unserem Beispiel der fehlende Fluchtraum. Wie schon oben erwähnt kann dies aber auch an einer unpassenden Ration, Futterqualität, Leberbelastung usw. liegen. Was kann aber getan werden, wenn sich DD in einem aus vielen dafür empfänglichen Rindern bestehenden Betrieb ausgebreitet hat. In der Regel werden vier Varianten der Therapie angewendet:

 

1. Impfung

2. Einzelbehandlung mit verschreibungspflichtigen Mitteln

3. Klauenbäder

4. Anwendung von Pflegemitteln zur Einzeltierbehandlung

 

Die Impfung gegen DD war und ist die große Hoffnung der Rinderhalter. Bisher sprechen jedoch die zu niedrige Erfolgsquote (maximal 70%), der Aufwand (es müssen Stallspezifische Impfstoffe sein), und die Kosten, gegen diese Behandlungsmethode. Das „letzte Wort“ ist in dieser Beziehung noch lange nicht gesprochen, so dass weiter gehofft werden darf.

 

Die Einzelbehandlung mit Tierarzneimittel, die in der Regel von einem Veterinär durchgeführt wird, kann dann sinnvoll sein, wenn die Erkrankungsrate im Bestand niedrig ist. Eine niedrige Erkrankungsrate ist dann gegeben, wenn nicht mehr als fünf Prozent betroffen sind. Aber Vorsicht: werden fünf Prozent erkannt liegt der Befall meist schon doppelt so hoch. Daher sollte der Krankheitsstatus am Besten bei der Klauenpflege, akkurat, durchgeführt werden um die tatsächliche Erkrankungsrate zu ermitteln.

 

Klauenbäder werden am meisten gegen DD eingesetzt. Dies verwundert sehr, da, aus gesetzlicher Sicht, grundsätzlich keine erkrankten Tiere durch ein Klauenbad gehen dürfen. Aus der Praxis ist dem Autor jedoch kein Betrieb bekannt, der klauengesunde Tiere von den DD-Erkrankten trennt und dann erst durch ein Klauenbad treibt. Aber nicht nur dieses Problem ist es, bei dem sich die Anwender von Klauenbädern mit einem Bein im Gefängnis wähnen. Auch bei der Auswahl der Wirkstoffe kann man schnell gegen das Gesetz verstoßen. So sind Formalin- und Kupferprodukte offiziell nicht für diese Anwendung zugelassen, auch wenn die Aufsichtsbehörden in manchen Bundesländern noch Toleranz zeigen. Mittlerweile wurden fast 50 Wirkstoffe in Klauenbädern getestet. Angefangen bei den zwei oben erwähnten, über Pflegestoffe wie ätherische Öle, bis zu Jodverbindungen, brachte kein Wirkstoff die erhoffte Wirkung. Zwar gibt es Rinderhalter die behaupten dass sie mit einem entsprechenden Klauenbad Erfolg hätten, jedoch sind dies keine wissenschaftlich belegten Vergleiche. Häufig hat sich nur eine leichte und vor allem zeitliche begrenzte Verbesserung eingestellt, ein Vergleich, etwa zu einer Kontrollgruppe, fehlt bei diesen Aussagen immer. Lediglich durch Umwidmung können wirkungsvollere Arzneimittel oder Antibiotika in Klauenbädern eingesetzt werden. Jedoch muss der Betrieb als „Seuchenbetrieb“ deklariert werden, was gleichzeitig ein Milchablieferungsverbot mit sich bringt. Um diesen Problematiken, die durch das Entsorgungsproblem ergänzt werden, aus dem Weg zu gehen, kam man auf soggenante Klauentrockenbäder. Diese, aus Gesteinsmehlen, verschiedenen Kalken oder sonstigen Pulvern bestehende Präparate, zeigten in Versuchen sehr gute Eigenschaften ohne die Nachteile von Nassklauenbädern in Kauf nehmen zu müssen. In der Praxis lassen sich diese guten Ergebnisse jedoch nicht erreichen. Dies liegt sicher daran, dass bei Versuchen, alle Parameter exakt eingehalten werden, die in der Praxis jedoch aus betrieblichen bzw. arbeitswirtschaftlichen Gründen, nicht oder nur unzureichend umsetzbar sind.  So funktionieren Klauentrockenbäder nur wenn sie extrem sauber gehalten werden. Dies bedeutet ein gewisser Arbeitsaufwand bei gleichzeitiger Ersetzung der ausgebrachten Menge, was wiederum den Geldbeutel stark belastet. Die meisten dieser Produkte sind zudem nicht wasserlöslich, was zu Problemen durch Austragen und Kanälen führen kann.

 

Genau genommen müssen alle Klauenbäder, egal ob flüssig oder Pulverförmig von vornherein zum Scheitern verurteilt sein. So lernt ein Desinfektor am ersten Arbeitstag dass eine erfolgreiche Desinfektion, und nichts anderes soll mit einem Klauenbad erreicht werden, nur dann möglich ist, wenn die zu desinfizierende Fläche sauber ist. Mit der Sauberkeit werden 80% der Erreger eliminiert, eine gute Desinfektion macht dann noch einmal ungefähr 16% unschädlich. Selbst wenn kein Rind in das Klauenbad kotet, ist die Verschmutzung so groß, dass der Wirkstoff kaum Chancen hat an die entsprechenden Stellen zukommen. Da, wie oben erwähnt, die Bakterien hautgängig sind, ist es nicht möglich mit üblichen Wirkstoffen eine Abtötung zu erreichen. Die neuerdings angebotenen Klauenputzgeräte setzen an diesem Punkt an, um durch ständiges Reinigung ein Anhaften der Erreger von vornherein zu vermeiden. Nach einiger Zeit zeigte sich jedoch dass die Haut durch die ständige spülen mit Wasser entfettet und durch die entstehenden Hautrisse tiefe Eintrittspforten für Erreger entstehen. Darüber hinaus wird der, in Laufställen ohnehin zu hohe Wassergehalt der Klauensohle, noch weiter erhöht, was dazu führt dass die Sohle noch weicher wird und die Lederhaut noch mehr belastet wird. Beigegebene Desinfektionsmittel konnten nur kurz eine Verbesserung bringen. Hautpflegende Substanzen in Verbindung einer reduzierten Anwendungshäufigkeit, scheint bessere Ergebnisse zu bringen. Jedoch sind die Kosten für die Geräte und Produkte recht hoch. Egal ob Nassklauenbad, Trockenklauenbad oder Klauenputzgerät, eine optimale Mischung aus Wirkung, Arbeitsaufwand und Kosten ist nicht gegeben und in absehbarer Zeit auch nicht zu erwarten.

 

Bleibt als vierter Punkt die Einzeltierbehandlung durch den Rinderhalter selbst. Grundsätzlich dürfen hier nur Pflegeprodukte, die keine heilende Wirkung aufweisen, angewendet werden. Besteht der Verdacht dass diese Mittel mehr bewirken, als eine Therapie zu unterstützen bzw. prophylaktisch Krankheiten zu verhindern, ist dies ein Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz und wird entsprechend geahndet. Trotzdem gibt es Pflegeprodukte im Klauenbereich die durch die Häufigkeit der Anwendung und desinfizierende Wirkung durchaus eine heilende Wirkung, sozusagen als „Nebenwirkung“, haben können. Diese eignen sich zur Bekämpfung von DD besonders, da, wie oben beschrieben, diese Erkrankung wegen der genetischen Veranlagung nicht geheilt werden kann, sondern nur, für einen bestimmten Zeitraum „außer Kraft“ gesetzt wird. Dieses „außer Kraft“ setzen kann je nach Produkt und Anwendungsrytmus auch für immer sein. In der Regel findet die Anwendung im Melkstand statt, auch wenn die Melker, vor allem auf Großbetrieben, von dieser zusätzlichen Arbeit nicht begeistert sind. Eine andere Möglichkeit besteht darin, die Tiere zur Behandlung ins Fressgitter einzusperren. Beide Möglichkeiten haben gemeinsam, dass vor dem Besprühen mit dem Pflegemittel die Klauen abgespritzt werden können und müssen. Im Melkstand mit der Euterbrause, im Fressgitter mit Schlauch oder Hochdruckreiniger. Die Wahrscheinlichkeit dass das Mittel auf die zu behandelnde Stelle trifft ist somit gegeben und höher als in jedem Klauenbad. Das Argument, dass diese Art der Mortellarobekämpfung zu arbeitsintensiv und zu teuer sei, ist nicht haltbar. Zwar wird bei einer DD-Sanierung im Melkstand das M  melken zeitlich verlängern, jedoch ist die Gesamtzeit die für die Klauenbehandlung aufgebracht werden muss, geringer, als wenn die Tiere nach dem Melken in einem separaten Arbeitsgang behandelt werden. Auch Klauenbäder die gepflegt werden sind vom Arbeitsaufwand (vor allem in Bezug auf die Wirkung) nicht zu unterschätzen. Klauenwaschanlagen haben hier sicher Vorteile, die jedoch entsprechende Investitionen voraussetzen.

 

Es zeigt sich dass in der Summe aller Eigenschaften, die Einzelbehandlung mit Pflegemitteln durch den Rinderhalter selbst, in Verbindung mit einer permanenten Klauenpflege, die beste Lösung für gesunde Klauen darstellt. Die Zeiten bei denen alle Kühe ein- oder zweimal im Jahr „durchgeschnitten“ werden, sollten, spätestens durch die Ausbreitung von DD, vorbei sein. Rinderhalter die denken dass die Anzahl der Kühe wichtiger sei, als Leistungsfähigkeit und Gesundheit, haben den Ernst der Lage noch nicht erkannt. Nur wer hohe Leistungen mit hoher Tiergesundheit verbinden kann, ist, unabhängig der Herdengröße, konkurrenzfähig. Jedem Milcherzeuger muss einleuchten, dass ein paar Kühe weniger, dafür aber mehr Aufwand (z.B. bei der Klauenpflege), den Deckungsbeitrag wesentlich besser aussehen lassen, als eine große Herde die nicht bis ins Detail versorgt werden kann.

 

Mortellarosanierung mit frei verkäuflichen Klauenpflegemitteln

Am Beispiel eines Betriebes mit 50% Befall unter Anwendung von MOBLO-LIQUID und MOBLO-GEL.

1. Schritt:

Bei der gesamten Herde wird, in möglichst kurzer Zeit die Klauenpflege durchgeführt. Dabei werden alle DD-erkrankten Tiere, auch beim leisesten Verdacht, mit MOBLO-GEL verbunden.

2. Schritt (eine Woche später):

Alle Klauenverbände werden entfernt und auf DD kontrolliert. Von ursprünglich 50 %, sind jetzt nur noch 10% befallen, die einen weiteren Verband mit MOBLO-GEL erhalten. Die geheilten 40% werden mit MOBLO-LIQUID eingesprüht.

3. Schritt (eine Woche später):

Die noch verbleibenden Klauenverbände werden entfernt und auf DD kontrolliert. Bei 2% ist keine oder zu geringe Heilung eingetreten. Bei diesen Tieren kann nochmals ein Verband mit MOBLO-GEL oder eine Therapie mit Tierarzneimitteln folgen. Die restlichen 8% werden mit MOBLO-LIQUID eingesprüht.

4. Schritt (eine Woche später):

Die Behandlung der Herde gegen DD ist abgeschlossen. Zu diesem Zeitpunkt sollte keine Kuh der Herde von Mortellaro befallen sein. Als prophylaktische Maßnahme sollten alle Tiere die bei der Klauenpflege einen Verband erhalten haben, einmal mit MOBLO-LIQUID eingesprüht werden. Diesen Vorgang sollte alle 14 Tage wiederholen.

 

5. Schritt:

Bei der nächsten Klauenpflege sollten nicht mehr als fünf Prozent an DD-erkrankten Tieren erkennbar sein.