Funktioniert die "funktionelle Klauenpflege" wirklich? Drucken
Geschrieben von: Gunther Schwarz
Der Autor dieses Artikels ist nicht der Einzige, wahrscheinlich einer der Ersten, ganz sicher aber der am schärfsten kritisierte, Zweifler an der "funktionellen Klauenpflegemethode". Interessanter Weise gibt es sogar unter Lehrklauenpfegern Zweifel, die jedoch damit abgetan werden, dass diese Methode schließlich die offizielle Lehrmethode in fast allen europäischen Ländern ist. Und da dies so ist, kann man natürlich nicht so einfach hergehen und das bisher Gelehrte als Irrtum darstellen, da die Glaubwürdigkeit, die sowieso schon ein Problem der Lehranstalten ist, noch weiter in den Keller geht. Natürlich gibt es auch hier Ausnahmen die gerne der "alternativen Klauenpflege" eine Chance geben, so wird es auch in absehbarer Zeit kein Tabu mehr sein, andere Techniken verbreiten zu können. Dabei hat die "funktionelle Klauenpflege" auch aus kritischer Sicht durchaus ihre Daseinsberechtigung, aber eben nicht unter den Umständen unter denen die meisten Kühe heute gehalten werden. Folgender Artikel soll die Problematik und Lösungsmöglichkeiten verdeutlichen.

Neuere Untersuchungen in verschiedenen europäischen Ländern kommen zu dem Ergebnis, dass über 50 Prozent aller Kühe an krankhaften Veränderungen an einer oder mehreren Klauen leiden. Bedenkt man, dass jeder Krankheitsfall mit mindestens 300 Euro Gesamtkosten zu Buche schlägt, wird klar, wie wichtig eine gute Klauengesundheit für eine wirtschaftliche Milchproduktion ist. Über den genetischen Einfluss, den Einfluss der Haltungsbedingungen und vor allem der Fütterung wurde und wird in Bezug auf die Klauengesundheit viel geschrieben. Hier gibt es eine relativ große Meinungsvielfalt. Über das methodische Vorgehen bei der Klauenpflege gibt es dagegen in den Lehrbüchern und den allermeisten Publikationen nur eine – universell einsetzbare – Technik, nämlich die sogenannte „funktionelle Klauenpflege“.

Diese vor fast 40 Jahren erstmals in der Literatur dokumentierte Methode gliedert sich in fünf Schritte und geht davon aus, dass die vier Klauen der beiden Hinterbeine so angeglichen werden können, dass jede Klaue 25 Prozent des auf den Hinterbeinen lastenden Gewichtes aufnehmen kann.



Stimmt das Konzept der funktionellen Klauenpflege noch?

Meine umfangreichen Erfahrungen aus der Praxis, aber auch die Erfahrungen vieler meiner Kollegen zeigen, dass die funktionelle Klauenpflege nicht in jeder Situation passt bzw. den veränderten Bedingungen nicht mehr so gut gerecht wird wie früher. Deshalb wurde eine „alternative Klauenpflegemethode“ entwickelt, die die jeweiligen Haltungsbedingungen (weiche Böden – harte Böden) berücksichtigt und auch die genetischen / züchterischen Veränderungen der letzten Jahrzehnte, die beträchtlich sind, in das Konzept mit einbindet. Fakt ist, dass im Vergleich zu früher

 

Steigende Milchleistung bestimmt das Geschehen

Grundsätzlich kann davon ausgegangen werden, dass die genannten Entwicklungen mit der – erfolgreichen – züchterischen Selektion auf steigende Milchleistung einhergehen und bei Hochleistungskühen auch signifikant deutlicher zum Ausdruck kommen.
Um viel Milch von einem entsprechend großen Euter geben und ein Kalb entsprechender Größe gebären zu können, haben sich die Beckenmaße verändert, das heißt vergrößert. Gleichzeitig werden die Klauen wie das gesamte Knochengerüst durch die Milchbetonung feingliedriger, also kompakter (im Vergleich zum Tiergewicht), was eine Mehrbelastung des Klauenapparates zur Folge hat. Vor allem bei Spitzentieren weist der Beckenbereich und nicht der Widerrist den höchsten Punkt der Rückenlinie aus; dies lässt sich auch nicht kaschieren, wenn das Siegertier beim Fotografen mit den Vorderbeinen auf ein Podest gestellt wird.
Mit diesen physischen Veränderungen, die sich im Übrigen durch Züchtung nach dem „Tripple-A-Code“ abschwächen ließen, darf die Kuh meist eben nicht auf weitläufigen, weichen und die Klauen reinigenden Wiesen laufen, sondern muss stattdessen mit harten, nassen und mit Erregern durchsetzten Ställen fertig werden. Das dadurch schon weiche Sohlenhorn wird durch Stoffwechselbelastungen, die nicht immer fütterungsbedingt sein müssen, weiter geschwächt. Untersuchungen in Hessen zeigten, dass dies bei rund 40 Prozent der Kühe der Fall ist, wenn durch hohe Leistungen die züchterische Priorität, also die hohe Milchleistung, eingehalten wird und dadurch in anderen Bereichen, wie z.B. der Klauenhornproduktion, zwangsläufig Defizite auftreten. Die Empfindlichkeit der Lederhaut nimmt dadurch zu, was die Kuh dazu veranlasst, langsam zu gehen und die Hinterbeine unter den Rumpf zu stellen. Die Außenklaue wird dadurch mehr belastet, was wiederum zu einem Hornwachstumsreiz führt. Vermehrte Klauenerkrankungen dieser Klauen sind vorprogrammiert.
Für den Milcherzeuger sind die sichtbaren Folgen dieser subklinischen Laminitis eine verminderte Grundfutteraufnahme, da die Kuh weniger oft zum Fressen kommt. Der Teufelskreis schließt sich, indem durch die verminderte Grundfutteraufnahme die Stoffwechselbelastung noch weiter zunimmt. Durch das langsame Gehen werden auch die Abduktorenmuskeln, deren Aufgabe es ist, die Beine nach außen zu führen (Abduktion = Bewegung von der Körperachse weg, abspreizen) zurückgebildet, was den Effekt der
Platzierung der Hinterbeine unter den Körper beim Gehen noch verstärkt. Dieser beschriebene Vorgang ist bei den meisten domestizierten Paarhufern zu beobachten, da eine Begrenzung des Lebensraumes, also auch eine Begrenzung des Fluchtraumes oder gar Sackgassen, diesen Effekt verstärkt.

 

Was erreicht die „alternative Klauenpflegemethode“?

Bei der „alternativen Klauenpflegemethode“ wird daher versucht, die tatsächlichen Gegebenheiten der Umwelt und des Exterieurs beim Klauenschnitt zu berücksichtigen. Es handelt sich dabei um drei Schritte, die sich wesentlich vom Vorgehen bei der „funktionellen Klauenpflege“ unterscheiden.
--> Keine Angleichung der Sohlendicke bei Innen und Außenklaue! Die Sohlendicke der beiden Klauen wird deshalb nicht angeglichen, weil beim modernen Hausrind der äußere Klauenapparat insgesamt schon vergrößert ist. Das heißt, dass bei einer Angleichung die Gefahr einer zu dünnen Sohle bei der Außenklaue gegeben ist, erst recht wenn die Sohle zu weich ist und die Kuh durch hohe Milchleistungen ohnehin zur Schwellung der Lederhaut (Laminitis) neigt. Unter diesen Umständen sind Sohlendicken von 5 mm im vorderen Bereich bzw. 8 mm im hinteren Bereich zu wenig, um Hochleistungstiere ohne Risiko gehen zu lassen. Je stärker die Sohle, desto weniger Belastung erfahren die empfindlichen tiefer liegenden, aber schmerzempfindlichen Organe der Klaue. Die Gewichtsverteilung weist immer ein Plus der äußeren Klauen aus. Dies ist schon an der Tatsache zu sehen, dass bei Tieren, bei denen die beiden Klauen angeglichen wurden, nach einiger Zeit die äußere Klaue wieder vergrößert war. Dies ist ein Indiz dafür, dass diese Klaue einem zusätzlichen Wachstumsreiz ausgesetzt war, der das Klauenhorn schneller wachsen ließ. Vorteilhaft bei der Nichtangleichung der Sohlendicke ist auch, dass wertvolle Trachtenhöhe der äußeren Klaue erhalten bleibt und nicht auf das meist niedrigere Niveau der inneren Klaue herunter geschnitten wird. Denn nur bei hohen Trachten ist eine Gewichtsverteilung weg vom Ballen nach vorne auf die gesamte Fußungsfläche gegeben.
--> Obwohl klar ist, dass der Tragrand ein wichtiger Teil des Hornaufhängeapparates ist, kann er ohne Gefahr an der Fußungsfläche bis zur „weißen Linie“ entfernt werden. Hier muss die Frage nach dem kleineren Übel gestellt werden. Denn dünne Sohlen mit Tragrand schädigen die Lederhaut sicher mehr als dicke Sohlen ohne Tragrand an der Fußungsfläche. Der eigentliche Vorteil ist jedoch, dass „weiße Linie-Defekte“ so gut wie nicht mehr auftreten, da die Sohle durch ihre Stärke weniger nachgibt und der starr stehende Tragrand entfällt.
--> Die Hohlkehlung, die bei der „funktionellen Klauenpflege“ an beiden Klauen eingearbeitet wird, ist bei der „alternativen Methode“ nur bei der äußeren Hälfte zu machen. Hier jedoch sehr viel tiefer, weil die Sohle ja dicker verbleibt (siehe oben). Der Vorteil ist eine längere Wirkung der Hohlkehlung, der typische Belastungspunkt, an dem sich schnell Sohlengeschwüre bilden können (Rusterholtz-Stelle), bleibt längere Zeit belastungsfrei.

 

Unterschiede beim methodischen Vorgehen (am Hinterbein)

funktionelle Klauenpflege alternative Klauenpflege

Außenklaue wird der Innenklaue angeglichen.
Die Sohle soll so dick wie möglich verbleiben,
somit wird die Außenklaue nicht angeglichen.
Der Tragrand bleibt (3 bis 5 mm) bestehen. Der Tragrand wird bis zur „weißen Linie“
(nur an der Fußungsfläche) entfernt.
Hohlkehlung an beiden Klauen Hohlkehlung nur an der äußeren Klaue,
aber tiefer aufgrund der dickeren Sohlenstärke.

 

... und die Klauen der Vorderbeine?

An den Vorderbeinen ist zu beobachten, dass die innere Klaue oft vergrößert ist, wenn auch nicht so signifikant wie es bei den Hinterbeinen bei der Außenklaue der Fall ist. Die Vorderhand wird bei Hochleistungstieren (die in der Regel ein großes Lungenvolumen aufweisen) durch langsames Gehen oder Stehen auseinander gedrückt, was bei älteren Tieren an der sogenannten „Schulterlosigkeit“ erkennbar wird. Dieses auch von der Halsrahmenanbindung her bekannte Phänomen ergibt einen Wachstumsreiz auf die inneren Klauen, was sich wiederum in vermehrtem Hornwachstum äußert. Da der Knochenapparat der beiden Klauen an den Vorderbeinen (im Gegensatz zu den Hinterklauenpaaren)
gleich groß ist, können die inneren und äußeren Klauen beim Beschnitt angeglichen werden. Die Hohlkehlung wird dementsprechend an beiden Klauen innen wie außen eingearbeitet. Die Abnahme des Tragrandes bis zur „weißen Linie“ ist analog zu den Hinterbeinen.

 

Bild 1:
Um sich den tatsächlichen Unterschied der Sohlenstärke zu verdeutlichen, sind beide Klauen so zu halten, dass die Klauenvorderwände parallel zueinander stehen.
Bild 2:
Die Empfindlichkeit der Lederhaut muss vor Beginn des Schneidens mittels Klauenuntersuchungszange geprüft werden. Somit können frühzeitig Schwellungen der Lederhaut erkannt werden.
Bild 3:
An den beiden Klauen wird nur soviel Horn abgetragen, dass die Fußungsfläche wieder eben ist. Die äußere Klaue wird dabei nicht der Innenklaue angeglichen. Die höhere Trachtenhöhe der äußeren Klaue wird somit erhalten, die Sohle bleibt durch ihre Dicke stabil. Ziel muss es sein, zwischen der Klauenvorderwand und der Klauenhinterseite ein Verhältnis von etwa 2:1 zu erreichen.
Bild 4:
Der Tragrand wird an der Fußungsfläche mindestens bis zur "weißen Linie" entfernt. Dadurch wird die Klaue so kompakt wie bei der "funktionellen Klauenpflege", jedoch bei viel dickerer Sohle (= Gewichtsverlagerung nach vorn auf die gesamte Sohlenfläche).
Bild 5:
Die Hohlkehlung wird nur an der Außenklaue eingearbeitet, jedoch – bedingt durch die dickere Sohle – sehr viel tiefer.



Fazit

Die „funktionelle Klauenpflege“ ist immer anzuwenden, wenn Weidegang über einen längeren Zeitraum für die Kühe gegeben ist. Auch auf weichen Gummibelägen kann sie – mit Abstrichen – angewendet werden. Dabei sollte allerdings darauf geachtet werden, dass die Trachtenhöhe der (hinteren) äußeren Klauen nicht auf das meist schlechtere Niveau der Innenklauen gekürzt werden darf, da Gummibeläge durch das Einsinken der Klauensohle auf den auf der Oberfläche aufliegenden Ballenbereich sehr viel stärker Infektionserreger übertragen als unnachgiebige Böden.
Die „alternative Klauenpflegemethode“ ist immer dann anzuwenden, wenn Hochleistungskühe mit einer empfindlichen Lederhaut vorwiegend auf harten und nassen Laufbereichen zurechtkommen müssen.